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Schulkinder halten sich an der Bahnsteigkante einer japanischen U-Bahnstation
an den Händen. Auf drei springen sie nach vorne, weil in diesem
Moment der Zug einfährt. Shion Sono zeigt gleich zu Beginn das
Unfassbare, verstört auf eine Weise, die einen zunächst
einmal im Sitz zusammen sacken lässt. Ist das nun eine grelle
Keule plumper Provokation oder hat der Japaner tatsächlich etwas
zu sagen? Je länger "Suicide Circle" dauert, desto
mehr verlässt das Werk eine klare narrative Struktur und dringt
mit Hilfe greller, symbolartiger Bilder in die bitteren Untiefen der
japanischen Gesellschaft ein, die symbolhaft für weltweite popkulturelle
und generationstypische Phänomene steht. Der Japaner hat tatsächlich
etwas zu sagen, ob einem nun die Form gefällt oder nicht. Nach
dem Magengrubenhieb zu Beginn lässt "Sucide Circle"
in seiner Grausamkeit nur wenig nach. Es kommt zu weiteren Selbstmorden
junger Schüler. Der Würgegriff, in dem sich der Zuschauer
befindet, bleibt bestehen. Die Ereignisse alarmieren die Polizei,
auch wenn es in den Reihen der Ordnungshüter eine starke Fraktion
gibt, welche die Ereignisse als tragische Unfälle abtun möchte.
Aber dann taucht eine mysteriöse Internetseite auf, eine seltsame
Informantin berichtet per Telefon über einen Selbstmörderklub
und die Todesfälle reißen nicht ab. Erste Ermittlungserfolge
der Polizei nähren die Vermutung, dass etwas mehr an der Sache
dran ist. Aber welche Rolle spielt die Teenie-Band Dessart mit ihrem
Smash-Hit "Mail me". Und wer ist das seltsam röchelnde
Kind, das sich per Telefon meldet?
Shion
Sono wird die Fragen nicht im Sinne eines gelösten Rätsels
klären. Er setzt auf die Wirkung bedrohlicher Bilder, mit denen
er popkulturelle Tendenzen beleuchtet, die leicht beeinflussbare Teenager
zur Mode-Robotern degenerieren. Schnell finden sich Selbstmord-Nachahmer,
weil die Idee cool wirkt. Die Trendmaschinerie der aktuellen Medienstrukturen
ist in der Lage, auch das absurdeste attraktiv aussehen zu lassen.
Wer keine Individualität hat nimmt die vorgekaute und pfropft
sie seinem eigenen Ego auf. In "Suicide Circle" wird daraus
eine bitterböse Farce, die das ganze Ausmaß des Verfalls
bebildert. Selbst der Tod erscheint nur noch als eine spielerische
Option in einer Welt ohne Halt. Kommunikationslosigkeit, Isolation
und der Opiateffekt weiter Bereiche der Popkultur führen ins
Nichts. Anstelle einer Auseinandersetzung mit den Faktoren, suchen
die Schulkinder als Ausweg den Tod. Ein bequemer Weg in der Welt des
Shion Sono.
Bildqualität
Die Vorlage der DVD ist aufgeräumt. Dreckspuren oder Bildpunkte sucht man vergeblich. Dafür ist die Bildschärfe nur angenehm, alles wirkt leicht matschig. Auch der Kontrastwert verhindert nicht, dass in einigen dunklen Szenen Bildinhalte ineinander laufen. Stehende Rauschmuster sorgen für eine weitere Beeinträchtigung des Sehgenusses.Tonqualität
Der japanische Originalton im 2.0-Format bringt eine solide Klangkulisse, bei der die Dialoge klar und verständlich sind. Die Geräuschkulisse breitet sich brauchbar auf der Front-Stage aus, ohne eine besondere Räumlichkeit zu vermitteln. Der deutsche 5.1-Ton kann dem nichts hinzufügen. Stattdessen wartet er mit einer kaum konsumierbaren Synchronisation auf.Extras
In
einem 23minütigen Interview spricht Regisseur Shion Sono, nachdem
er überzeugend erläutert hat, dass der Tokio-Tower ein Bauwerk
des Bösen ist, über seine Karriere und den Film "Suicide
Circle". Seine Ausführungen sind stets interessant, wenn
auch etwas gewöhnungsbedürftig, wenn er propagiert, dass
man bei der Gewalt in "Suicide Circle" lachen solle.Fazit
Technisch ist die DVD solide. Der Film ist eine verstörende Abrechnung mit weiten Teilen popkultureller Tendenzen der Gegenwart und ihrer Auswirkungen auf die Generation der Schulkinder. Vorsicht vor kommenden Superstars!Stefan Dabrock
| Originaltitel | Jisatsu Saakuru (Japan 2002) |
| Länge | 92 Minuten (Pal) |
| Studio | i-on new media im Vertrieb der Splendid |
| Regie | Shion Sono |
| Darsteller | Ryo Ishibashi, Akaji Maro, Masatoshi Nagase, Saya Hagiwara, u.a. |
| Format | 1:1,78 (4:3) |
| Ton | DD 5.1 Deutsch, DD 2.0 Japanisch |
| Untertitel | Deutsch |
| Extras | Interview mit Shion Sono (Regie), u.m. |
| Preis | ca.20 EUR |
| Bewertung | gut |